Während er Abschlussveranstaltung des fünften Kulturherbstes der Burgwaldregion wurde Ulrike Steiner-Eckhardt für ihren Kurzroman mit dem ersten Preis ausgezeichnet

Metamorphosen eines Goldzahnschnecklings

 

 

Gegen zehn Uhr, am Vormittag des achten Oktober zweitausendfünf, entdeckten Pilzsammler im Burgwald, nahe dem Dörfchen Bracht eine nackte männliche Leiche inmitten eines Hexenkreises aus zarten weißgoldenen Pilzen und riefen die Polizei. Die Leiche lag auf dem Bauch.

„Oh verdammt, guckt Euch das an“, kicherte ein Spurensicherer als er versuchte, die Leiche umzudrehen. „Der hat sich mit einem Mauseloch vergnügt.“ Anzügliche Witze darüber blieben den Beamten jedoch im Halse stecken, als sie die grausige Entdeckung machten, dass der Tote im Boden festgewachsen war. Aus dem in der Erde steckenden Körperteil wuchs ein starkes Wurzelgeflecht in den Boden. Sie mussten die Pflanzenfasern mit einem Messer durchtrennen, um den Toten aufheben und in einen Transportsack legen zu können.

Hauptkommissarin Libby Krause ging in Gedanken bereits die Fragen durch, die sie zu klären hatte. Wer war der Tote? Wann und woran starb er? Was wuchs da aus ihm heraus? Wo wohnte der Tote und wer kannte ihn? Seine Kleidungsstücke lagen sauber zusammengefaltet auf einen Baumstumpf. War das ein Hinweis auf Selbstmord?

Die Obduktion brachte folgende Ergebnisse: Der Mann war erst wenige Stunden tot. Er wies keinerlei Spuren auf, die auf einen Mord oder eine Selbsttötung hinwiesen. Der untersuchende Pathologe kratzte sich ratlos den kahlen Kopf und runzelte ein ums andere Mal die hohe Stirn. Das Herz des Toten war einfach stehen geblieben, ohne jeglichen erkennbaren Grund.

Ein Botaniker der Marburger Philipps-Universität bestimmte das Wurzel-geflecht als Myzel des Goldzahnschnecklings, eines seltenen, ungiftigen Pilzes, der in der Fundgegend seit etwa fünfzig Jahren als ausgestorben galt. „Keine Ahnung, ob der Pilz in den Toten hinein oder aus ihm herausgewachsen ist. Und dass dies auch noch innerhalb weniger Stunden geschehen konnte, ist mir vollkommen schleierhaft“, bedauerte Herr Prof. Dr. Hahn, als Libby ihn danach befragte.

Bei der DNA-Analyse kam auch kein brauchbares Ergebnis heraus. Demnach hätte der Tote den genetischen Fingerabdruck von Pilzen. Das war natürlich völlig unmöglich. Die beauftragten Wissenschaftler suchten ganz aufgeregt nach dem Fehler, den sie gemacht hatten, konnten jedoch keinen finden.

Libby Krause fuhr noch einmal zum Fundort der Leiche in der Hoffnung, dort auf die richtige Spur zu kommen.

 

Lange romantische Spazierwege führen durch die Abgeschiedenheit einer märchenhaften Waldlandschaft, dem oberhessischen Burgwald. Manchmal führen sie auch direkt in eine andere Welt. Das Dämmerlicht einer dunstigen Morgenstunde vor Tagesanbruch, der mittägliche Sonnenglast an einem überhitzten Sommertag, die Nebelschwaden, die mit sinkender Nacht in die Mulden und Täler kriechen - solche traumhaften Augenblicke sind es, in denen sich dem einen oder anderen Menschen ein Blick in diese andere Welt eröffnet. Doch die Welten werden von beiden Seiten durchsichtig, ja hin und wieder sogar durchgängig.

„Du, Hygrophilus“, raunte ein junger Goldzahnschneckling an einem milden Oktobermorgen seinem Freund zu. „Ich möchte so gerne ein Mensch werden. Ich bin nur ein Pilz, bin nicht Pflanze, bin nicht Tier, was ich wirklich bin, weiß ich selbst nicht zu sagen.. Aber die Menschen sind ganz bestimmt die Krone der Schöpfung. Sie können sich bewegen, gar laufen, und sprechen und sie sind so groß, viel größer als ihr Zwerge, und stark, und und und…“. Er wusste sich gar nicht auszudrücken, vor lauter Bewunderung. „Sei vorsichtig mit dem was Du wünschst. Es könnte wahr werden“, warnte ihn die alte Buche, zwischen deren Wurzeln der Pilz sich ausbreitete. Auch der Zwerg Hygrophilus, der hier seine Höhle hatte, riet ihm ab. „Wünsche Dir das lieber nicht. Bleibe was Du bist. Das ist Deine Bestimmung. Und nur so kannst Du glücklich sein und Deine Erfüllung finden.“ „Ich will es aber“, sagte der Pilz, vor Sehnsucht ganz trotzig. Und er dachte so konzentriert und innig immer wieder daran, daß eines Tages das Unerklärliche geschah.

 

Gegen zehn Uhr, am Vormittag des achten Oktober neunzehnhundert-fünfundfünfzig, entdeckten Pilzsammler im Burgwald, nahe dem Dörfchen Bracht, ein nacktes männliches Neugeborenes. Es lag inmitten eines Hexenkreises aus Goldzahnschnecklingen. Sie brachten es in die Marburger Kinderklinik. Das Kind erwies sich als kerngesund, wenn auch leicht unterkühlt. Trotzt intensiver Nachforschungen der Polizei waren Eltern oder Angehörige des Kindes nicht zu ermitteln. Niemand hatte etwas gesehen. Niemand hatte etwas gehört. Und so wurde es in ein Marburger Waisenhaus verlegt.

„Das macht die Geschichte noch merkwürdiger“, überlegte Libby, als sie von Standesamt und Einwohnermeldeamt die Informationen über die Herkunft des Toten bekam. „Sein Fundort ist auch der Ort seines Todes. Es herrschten die gleichen mysteriösen Umstände. Steckt vielleicht eine Sekte dahinter, die verbotene Rituale vollzieht?“ Libby musste schließlich jeder Idee nachgehen, solange sie keine konkreten Hinweise hatte.

Sie hatte ein Foto des Toten an diverse Tageszeitungen und verschiedene Fernsehsender verteilt. Tatsächlich riefen daraufhin etliche Leute ihre Polizeidienststelle an, die den Mann kannten.

„Der Kleine brauchte einen Namen“, erzählte ihr die alte Kinderschwester, die für das Findelkind im Waisenhaus die Mutterrolle übernahm, „Und so verlangte es auch das Standesamt. Ich nannte ihn Zlatko. Das bedeutet in meiner slawischen Heimat: der Goldene, und es war genau der richtige Name für solch ein goldiges Kind, wie er eines war. Sein Nachname sollte Weiß sein, weil der Junge strahlend weiße Haut hatte, und schneeweiße Haare mit warmer goldener Tönung auf dem Oberkopf.“

Libby hatte die ehemalige Kinderschwester ausfindig machen können. Diese war inzwischen Rentnerin und wohnte alleine in einem kleinen Fachwerkhaus in Betziesdorf. Tief erschüttert über das tragische Ende ihres ehemaligen Lieblings, wusste sie noch viel mehr zu berichten und geriet dabei richtig ins schwärmen.

Zlatkos Kindheit verlief so problemlos und glücklich, wie sie in einem Waisenhaus nur dann verlaufen kann, wenn sich ein Kind dort geliebt fühlt. Seine Eigenschaften lobte die alte Dame in den höchsten Tönen: glücklich, ordentlich, lustig, diplomatisch, zärtlich, aufmerksam, hilfreich, nützlich, um nur einige zu nennen.

 

Zu Ostern Neunzehnhunderteinundsechzig wurde er eingeschult. Seine schulischen Leistungen waren so gut, dass er problemlos den Sprung ins Gymnasium schaffte, trotz der beiden Kurzschuljahre, die damals den armen Schülern aufgebrummt wurden. Diese Maßnahme war nötig, damit die Einschulungen, so wie wir es heute gewohnt sind, künftig nach den Sommer-ferien stattfinden konnten. Zlatkos Leistungen waren sogar überdurchschnittlich gut, aber aufgrund seiner aufgeschlossenen und freundlichen Art nannte ihn keiner einen Streber. Neunzehnhunderteinundsiebzig machte er sein Abitur mit Auszeichnung. Mit dem Schulabschluß musste er auch aus dem Waisenhaus ausziehen. Doch er blieb noch viele Jahre mit seiner Kinderschwester in Kontakt.

Zlatko bezog nun ein Zimmer in der Marburger Oberstadt und begann Kunst zu studieren und Tagebuch zu schreiben. Die Tagebücher bewahrte er sorgfältig in einer verschlossenen Holzkiste auf, doch Libby Krause hatte sie gefunden, als sie sein Haus nach Hinweisen durchsuchte. Sie wunderte über den intensiven Geruch nach Waldpilzen welcher der Kiste entströmte und las nun gespannt, wie Zlatkos Leben weiterging, denn es kam der Tag, an dem er sich über alle Maßen verliebte.

 

Sie war wie er: achtzehn Jahre alt, sehr zart und sehr weiß. „Ich heiße Aurelie, das bedeutet: die Goldene“, stellte sie sich vor und Zlatko lud sie für den nächsten Samstag ins Kino ein. Er träumte davon, Aurelie dort, im Schutze der Dunkelheit, zu streicheln und zu küssen. Doch am Morgen vor dem großen Ereignis passierte ihm etwas Entsetzliches. Er biss in sein Butterbrot, ein Schneidezahn brach mit einem hässlichen Knirschen ab und blieb in der Brotkruste stecken.

Der Zahnarzt, den er in seiner Panik aufsuchte, konnte den verbliebenen Zahnstummel nur noch für eine Krone vorbereiten und als Provisorium bekam Zlatko ein Plastikkäppchen darüber geklebt. Dieses Ding hielt keiner Beanspruchung stand und er klebte es mehrmals am Tag mit Uhu wieder an.

 Aurelie blieb an diesem Abend ungeküßt, denn es wäre Zlatko viel zu peinlich gewesen, wenn sie dabei vielleicht sein Plastikkäppchen verschluckt hätte. Vierzehn Tage später hatte er seine erste Zahnkrone, vorne mit weißer Keramik verblendet, aber sonst aus purem Gold. Noch am gleichen Abend schmolz Aurelie unter Zlatkos Küssen dahin. Und wie sie, sich zärtlich erforschend, hingebungsvoll miteinander züngelten, entdeckte sie seinen Zahnersatz. „Mein Goldzahnschneckling“, hauchte sie derart sanft in sein Ohr, daß es für ihn kein halten mehr gab, sie auf ihrem Sofa landeten und es damit endete, daß bei Zlatkos Höhepunkt aus jeder seiner Poren ein kleines Wassertröpfchen austrat. Nur dort, wo etwas hätte herauskommen müssen, da kam … ein bißchen graugrüner Puder!

„Bitte glaube mir, ich weiß auch nicht, was das ist“, bat er die entsetzte Aurelie um Verzeihung und suchte in der Folgezeit viele Ärzte auf, die ihm seine Besonderheit jedoch nicht erklären, ihn auch nicht davon befreien konnten. Er war und blieb ein medizinisches Fragezeichen. Immerhin bestätigten sie ihm, dass er keine giftigen Substanzen ausscheide und sein Liebesleben deswegen für seine Partnerin nicht gefährlich sei.

Und tatsächlich, Aurelie gewöhnte sich an die ungewöhnlichen Umstände, denn Zlatko war ein unglaublich zärtlicher, aufmerksamer und hingebungsvoller Liebhaber, und er erwies sich auch im Alltag für sie als nützlicher und zuverlässiger Begleiter in allen Lebenslagen.

 

Libby wusste nicht, ob sie lachen oder sich vor entsetzen schütteln sollte, bei dem was sie da las. Konnte das denn alles wahr sein? Und ständig dieser feine Geruch nach Waldpilzen, der den Tagebüchern entströmte. Libby war unter ihren Polizeikollegen berühmtberüchtigt für ihre Nase und ihren guten Riecher. Und dieser Geruch erinnerte sie immer wieder an Zlatkos Fundort im Burgwald Gespannt las sie weiter.

Zur Bundeswehr wurde Zlatko aufgrund seiner „Behinderung“ nicht eingezogen, worüber er sich sehr freute, konnte er auf diesem Weg doch sein Studium ohne Unterbrechung durchführen. Nach seinem Diplomabschluss heiratete er Aurelie. Seine ehemalige Kinderschwester steuerte eine köstliche Erdbeer-Sahne-Torte zur Hochzeitskaffeetafel bei. Zlatko aß genüsslich ein Stück der Torte als er plötzlich große Augen und ein erschrockenes Gesicht machte. Dann spuckte er die Splitter eines Zahnes aus. Ein winzig kleines Erdbeersamen-körnchen war ihm zwischen zwei Zähne geraten und hatte diese förmlich zersprengt. Damit war Zlatkos gute Laune für diesen Tag gestorben, die Hochzeitsnacht gestrichen und die Geldgeschenke verplant, denn Zlatko musste sich davon zwei neue Zahnkronen machen lassen.

In seinen ersten Ehejahren bewies Zlatko sein Talent als bildender Künstler und wurde weit über die Grenzen des Marburger Landes hinaus bekannt. Doch im Laufe der Zeit veränderte er sich. Er litt unter rheumatischen Beschwerden, besonders in der kalten Jahreszeit. Wenn seine Gelenke schmerzten, konnte er nicht arbeiten, was ihn wiederum depressiv machte. Seltsam widersprüchlich zu seinem Rheuma war aber, dass es ihm nur gut ging, wenn er sich in den feuchten, dunklen Kellerräumen seines Hauses aufhielt, in denen Aurelie nichts lagern konnte, weil alles innerhalb weniger Tage mit einem dicken Pelzmantel aus Schimmel überzogen wurde. Aurelie ekelte sich davor, konnte Zlatko aber nicht dazu überreden, den Keller sanieren zu lassen. Über diesen Streitpunkt ärgerte sich Aurelie ständig und ihre Liebe zu Zlatko begann, zwar noch unmerklich, dennoch stetig abzukühlen.

Im Laufe seines Menschenlebens sammelte Zlatko weitere Goldzähne, wie andere Leute Briefmarken. Seine Vorliebe für Süßigkeiten sowie die Abneigung gegen Zahnpaste sorgte für den schnellen Verfall seines Gebisses und machte diesen Zahnersatz nötig. Mit jeder Krone ging es ihm gesundheitlich schlechter. Weder sein Hausarzt noch sein Zahnarzt konnten diesen Zusammenhang verstehen, geschweige denn erklären.

Chrysose nennt man eine irreversible Ablagerung von Goldpartikeln in Haut, Schleimhäuten und inneren Organen nach einer Goldbehandlung aufgrund rheumatoider Arthritis. Zlatkos Symptome besserten sich nur noch, wenn er Goldpräparate schluckte. Leider verfärbte sich dadurch im Laufe der Jahre seine einst makellose, strahlend weiße Haut ins bläulich-graue und lies ihn mit der Zeit giftig und hinterlistig aussehen. Zlatko hatte sich in eine geltungssüchtigen, oberflächlichen, lustlosen, dünnhäutigen, zimperlichen, aufmüpfigen, herzlosen und narzisstischen Menschen verwandelt. Nach außen zeigte er diese Veränderungen in den frühen neunziger Jahren ganz offen durch das Tragen eines streng eleganten weißen Anzuges mit steifen Manschetten und einer weißen Baskenmütze mit goldener Mitte. Er zupfte seine Augenbrauen aus und trug seine Goldkronen jetzt offen und ohne weiße Verblendung. Er empfand sich als männliches Gegenstück zu der Sängerin Madonna, die in der gleichen, jedoch schwarzen Aufmachung, ein Symbol für ältere, statusbewußte und vielfach unsympathische Männer ironisch für sich beanspruchte.

 

Er ist Künstler von Beruf!“ Aurelie suchte nach Argumenten, wenn sie auf sein absonderliches Aussehen angesprochen wurde. „Da will und muß er doch auffallen. Das gehört jetzt zu seinem Image.“ Er arbeitete aber nur noch selten, seine Kunstwerke verkauften sich sehr schlecht und Aurelie musste den Lebensunterhalt für Beide verdienen. Natürlich reagierte sie auf Zlatkos Veränderungen nicht mit Begeisterung. Aus einem zarten weißen Elfchen wurde unter dem Druck, den das Leben im Allgemeinen und Zlatko im Besonderen auf sie ausübten, eine dicke, rotgesichtige Matrone.

Angewidert registrierte Zlatko seinerseits Aureliens Entwicklung und fühlte sich zudem nutzlos, weil diese ihren Tagesablauf besser ohne als mit ihm bewältigen konnte. Die einst so große Liebe der beiden hatte sich in gegenseitige Abscheu verwandelt. Aurelie ekelte sich schon lange vor seiner blaugrauen Haut und dem, was sie seinen „Ganzkörperorgasmus“ nannte. Sie bestand schon seit Jahren auf getrennten Schlafzimmern.

Im Gegenzug fürchtete sich Zlatko regelrecht vor Aurelies Lieblings-blumen. Sie pflanzte jeden Sommer den Garten voller Ringelblumen. Aus den Blüten stellte sie Tinkturen, Salben und Tees her, deren pilztötende Wirkung Aurelie schätzte und die bei Zlatko grauenvolle Panikattacken auslösten.

Im Sommer zweitausendundfünf starb Aurelie. Ausgerechnet eine Pilzvergiftung wurde ihr zum Verhängnis. Hatte er sie nicht immer davor gewarnt, frische Morcheln zu essen? Aber sie hörte ja schon lange nicht mehr auf ihn. Als Durchfall, Erbrechen und starkes Schwitzen einsetzten, nahm sie zu allem Überfluss auch noch eine Valium-Tablette, denn sie schob die Symptome auf ihre starken Erregungszustände. Die Schuld an diesen gab sie natürlich Zlatko. Als sie bewusstlos wurde, rief Zlatko doch lieber den Notarzt, der sie sofort in die Marburger Universitätsklinik bringen lies. Zu spät, wie sich dort herausstellte.

Libby Krause schlug das Tagebuch zu und schaute verwundert aus ihrem Bürofenster. Draußen graute schon ein neuer Tag. Über Zlatkos Schicksal hatte sie vollkommen die Zeit vergessen. Diese Überstunden würde sie, aller Voraussicht nach, nicht bezahlt bekommen. Sie fuhr nach Hause, duschte, trank starken schwarzen Kaffee, machte Frühstück für Tommy, ihren halbwüchsigen Sohn und weckte ihn, damit er pünktlich zur Schule kam. Rechtzeitig zu Dienstbeginn saß sie wieder an ihrem Schreibtisch. Sobald der laufende Betrieb es zuließ, griff sie nach dem letzten Tagebuchband des Zlatko Weiß und vertiefte sich in dessen Zeilen.

Unglücklich und unzufrieden, mit hängendem Kopf und gebeugtem Rücken ging Zlatko immer häufiger in den Wald um allein zu sein. Besonders stark zog es ihn zu der Stelle, an welcher man ihn vor fünfzig Jahren gefunden hatte. An dieser Stelle endeten Zlatkos Eintragungen. Libby schloss die Augen um nachzudenken. All die Fragen, die sie zu Anfang ihrer Ermittlungen gestellt hatte, waren beantwortet, bis auf die wichtigste: „Wie und warum starb Zlatko Weiß?“

 

Libby war müde nach der durchlesenen Nacht. Niemand störte sie, kein Telefon durchbrach die Stille ihres Büros. Unmerklich glitt sie in den dämmrigen Zustand zwischen Tag und Traum hinüber und sah Zlatko an einem schönen Herbsttag, wie er sich auf einen Baumstumpf setzte und auf dicke, weiche, saftig grüne Moospolster starrte, zwischen denen kleine Wasserlöcher im Sonnenlicht glitzerten. Die Sonne leckte an der Feuchtigkeit und ließ sie in feinen dunstigen Schleiern aufsteigen. Zlatkos Augen leuchteten freudig auf, als er zwischen den Wurzeln einer riesigen alten Buche seinen alten Freund, den Zwerg Hygrophilus, erkannte. Dieser hatte seinerseits Zlatko entdeckt und winkte ihm lachend zu: „Komm alter Freund, komm endlich wieder nach Hause.“ Und Zlatko kam. Er zog seine Kleider aus, faltete sie ordentlich zusammen, stapelte sie auf dem Baumstumpf, auf dem er gesessen hatte, legte sich bäuchlings auf die weichen Moospolster, atmete tief den würzigen Duft der Erde ein und wurde wieder zum Goldzahnschneckling. Seine menschliche Hülle ließ er fröhlich zurück.

Er war wieder ein Goldzahnschneckling, er war wieder er selbst, und das zeigte er nun mit aller Kraft. In nur wenigen Stunden ließ er einen prächtigen Hexenkreis aus schneeweißen Fruchtkörpern mit leuchtend goldenen Flecken auf den Kappen wachsen. Etwas so schönes hatte man im Burgwald seit fünfzig Jahren nicht mehr gesehen.

 

Einige Wochen später brachte eine resignierte Hauptkommissarin Libbi Krause Zlatkos Menschenleben, in dicken Ordnern aufgeschrieben und abgeheftet, ins Polizeiarchiv. Sie hatte ihre Kräfte, ihr Wissen und ihre Nachtstunden geopfert, um diesen seltsamen Fall zu lösen. Bis in ihre Träume hinein hatte Zlatko Weiß sie verfolgt. Ein Kollege hatte sie, was ihr sehr peinlich war, an ihrem Schreibtisch schlafend aufgefunden, Gott sei Dank aus diesem verrückten Traum herausgerissen, nach Hause gebracht und ihr geraten sich erstmal ein paar Tage Urlaub zu nehmen, sie sei ja völlig überarbeitet. Und damit hatte er auch vollkommen Recht, denn so einen Mist hatte sie noch nie geträumt. Nicht mal als Kind hatte sie an Märchen geglaubt.

„Eigentlich schade, dass Träume nicht wahr werden, denn irgendwie hätte dieses Ende ganz gut zu seinem Leben gepasst,“ gestand sich Libby seufzend ein, warf die Akte Zlatko Weiß energisch in die Ablage, knallte die Tür des Archivs hinter sich zu und ging in Gedanken bereits zum nächsten Fall über.

 

 

© U. Steiner-Eckhart 2006

 

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